J. Monika Walther

2012

 

Himmelsleiter

Foto: Barbara Dietl


Mit 22 von 30 möglichen

Punkten fiel die Entscheidung

der Jury in einem anonymisierten Auswahlverfahren.


Paradies steht zum Verkauf.

In Eden ein Stück Grund

Kann wer da will erwerben

Trotz Adams Kündigung.

(Emily Dickinson)



   

    Im Hafen die dunklen Wellen hören. Die See und den Fluss. Die breite Venta. Das Wasser schlägt an die Kaimauern. Der rostige Frachter läuft ein. Rufe von der hohen Brücke. Schreie von unten. Die vermummten Männer werfen mit eisigen Seilen. Der Schnee treibt dichter. Ventspils. Deutsch Windau. Lettland. Europa. Das schwache Licht der Bogenlampen. Zöllner, Soldaten, Polizisten und Hunde. Der Hafen Freihandelszone. Lettland mit Polizisten im Hafen wie russisch besetzt. Alte Gewohnheiten.

    Der Frachter schwedisch. Die Schranken hinter mir  geschlossen. Eine dunkle Mitternacht. Vier Stunden später ist das Schiff entladen. Handbe-wegungen, Rufe, Befehle, Rangieren aller Laster, Autos. Große und kleine Traktoren ziehen Container auf die Ladeflächen. Kisten, Fässer, Boote, gestapelte, eingebundene, gepackte Waren. Jeder Zentimeter genutzt, das Gewicht verteilt. Die wenigen Autos werden durchsucht. Mit Hunden. Schiffsgänger zurückgehalten. Ich stehe im Schnee. Im Niemandsland. Die schwarzen Krähen hacken die weißen Westschafe. Die russischen Trucker trinken und singen, die Belorussen singen und trinken, die Letten reden und trinken, die Litauer trinken. Die Lieder ihrer Eltern. Auf dem kalten Schiff drängen sich die Männer vor einem kleinen Fernseher. Videokassetten. Schwarz weiß. Die alten Filme von tapferen Menschen, die ihr Land und Europa vom Faschismus befreien. Die Männer, jung alt, sind still, rauchen, trinken und schauen die alten Geschichten. Sie sind keine abgehetzten und armen Trucker mehr, die rund um die Ostsee, quer durch Skandinavien, durch Estland, Lettland, Russland, Weißrussland, Polen fahren. Sie sind ihre Väter und Großväter. Helden. Der große Frachter stampft im Sturm hinaus auf die Baltische See. Die Ladung zittert und wackelt. Längst sind nicht alle der Laster und Waren festgezurrt. Eis und Schnee weht dem Schiff entgegen. Um sechs läutet es zum Frühstück. Wir torkeln. Schwarze See, grelle Lampen, schwere Männer und große Platten mit zu Bergen gestapelten Pfannkuchen, Sirup, Würsten, Kartoffeln, Mayonnaise, Brot, Nudeln, Spiegeleier thronen. Gekochte Eier, Brötchen werden in die Hosentaschen gesteckt. Kaffee und große Schüsseln mit Obst in schwerer Sahne, Gebäck. Der Morgen ist da. Die Wellen werden grau.

    Der eine Blick durch mein Fensterglas hinaus, über das Wasser, schmale Felder, der Zaun, der Hund und der Blick auf den Tisch der Nachbarn. In die Gesichter, über den Tellern die Löffel schwebend. Hinein in das Fremde. Die Sekunde steht. Pass und Stempel setzen Welt aus.

    Der eine Blick aus dem Fensterglas über die Mauer, über den Fluss, durch die Wände und hinauf immer höher über die Wolken in den Himmel. Zu den Flügeln Herzsternen und wach Stufe für Stufe wieder langsam hinunter auf die Höhe: der Wolken, der Schneehauben, der Schmetterlinge und meiner Augen. Gespiegelt im Glas.

    Einige Wochen lebte ich mit einem leeren Koffer neben dem Bett. Aß und trank. Trank zu viel. Gin, Vodka, Whisky. Kaufte einmal am Tag ein. Flaschen, Brot, schlesische Gurken und Honig. Selten ein Huhn oder Würste. Aß im Stehen. Ölsardinen. Portugiesische Sardinen, Sprotten aus Riga. Dachte daran wie es früher war, in meinen Glückszeiten, aber niemand kann sich den Januar aussuchen, wenn alles in die Kälte fällt. Wenn die Gärten entblättert sind, der Himmel frostig wird, die letzten Äpfel und Birnen glasig frieren, die Zucchini zerfallen. Irgendwann kommen Frostzeiten, Rosenzeiten, irgendwann bildete sich eine Eisflocke beim Ausatmen; und dann wieder blüht Mohn auf den Feldern und zwischen den Rebstöcken und das Gesicht lächelt beim Aufwachen. Oder die Wimpern sind morgens mit Tränensalz verkrustet. Irgendwann hatte ich von meinem Unglück, das ich mir selber eingebrockt hatte, genug. Ein Liebeshaus war mit Getöse in sich eingestürzt. Ich saß im Keller und hielt mich an einem toten Maulwurf fest. Trümmer. Liebestrümmer. Kein Ich liebe dich mehr. Du verstehst mich nicht. Ich verstehe dich nicht. Keine Liebestribunale mehr mit Katzen, Kindern oder Unbekannten im Zeugenstand. Nur ein toter Maulwurf. Ich begrub ihn im Garten und schmückte sein Grab mit roten Lilien. Ich packte meinen Koffer, nahm die Kreditkarten, schloss die Haustür ab. Ich winkte der Katze zu, die zuletzt im Zeugenstand gesagt hatte: „Ich habe gehört, was ich gehört habe.“  „Und was haben Sie gehört?“ „Großen Lärm, unbegreiflich großen Lärm von verletzenden Worten.“ „Und was haben Sie gesehen?“ „Zertretene Lilien. Diese Menschen hatten keinen Anstand.“ „Das können Sie nicht beurteilen, Katze.“ „Mein Name ist Mompou und ich weiß, was ich gehört habe und ich weiß, dass diese Menschen alles verwechselt haben. Auch sich selbst und ihre Sehnsucht.“ Wie recht Mompou hatte.

Ich fuhr über vier Landesgrenzen Richtung Osten und sah anderen Reisenden und Paaren zu, wie sie lächelten, lachten, stritten, Koffer packten, aßen, Löffel in samtig roten Suppen versinken ließen, schlürften, ableckten, mit Pilzen, gerösteten Zwiebeln und feinem Kraut gefüllte Teigtaschen aufschnitten. Sah schlesische Felder, die Beskiden und Sudeten, fuhr über Brücken und Flüsse, große Flüsse, um die oft gekämpft worden war, hinüber herüber zurück und Parade, Flüchtlinge hin und hergetrieben, Brücken gesprengt, an den Ufern gewartet bis alle ermordet waren, an den Ufern sechsundsiebzig Tage hin und her geschossen, Panzer gegen Panzer, erster Brückenkopf, erstes vom Faschismus befreite Dorf, Todesmärsche, Denkmäler, Gräber. Die wenigsten waren im Verborgenen getötet worden.

Ich fuhr über Landstraßen, sah in Hotels wie Frauen den Wert des Mannes an der Bestellung taxierten. Wie Männer mit großen hungrigen Schlucken das Vodkawasser tranken und mit Stoffpuppen im Arm an den Kirchentüren bettelten oder in Müllcontainern suchten. Wie Frauen sich klein machten oder groß und sich an Straßenrändern verkauften. Vor Wäldern standen, auf Feldwegen, mit Blick auf die Autos. Einige  scherten aus, die Paare verhandelten. Motels gab es bei den Tankstellen. Straße Wald Bar Tankstelle Garküche Motel Wald. Und quer durch die Landschaft, die dichten Kieferwälder die neuen Trassen, hunderte von Arbeitern, Erdverschiebungen für Straßen von West nach Ost. Europastraßen. Die Grenzen offen.

Ich hörte die Freude über die neuen Zeiten, die Sorgen, sah die größeren Schritte. Lächeln. Nicht lächeln. Das Gesicht dem Fremden zuwenden oder wegschauen. Worte suchen. Aufbrechen oder stehen bleiben. Grenzen wieder zusperren, Ausreise nur für Fremde und Fahrer von Lastern. Ich saß vor Garküchen, aß Pilze und trank, sang mit Männern, die im Kreis fuhren: Weißrussland, Litauen, Ventspils, Fähre nach Travemünde, Polen und zurück. Oder andersherum: von Travemünde, durch Skandinavien, Finnland, Estland, Lettland und zurück. Jahrelang. Dass sie das tun konnten, war ihnen ein Glück. Und ich war bang, bei meinen Schritten in dieser Fremde. Und voller Freude, wenn die Möwen kreisten, wenn Absatzschuhe rasch über das Pflaster stöckelten, alte Männer dasaßen und redeten, Frauen in schnellem Schritt zur Arbeit eilten. Und erlebte den Schrecken und die unerwartete Freude, dass ich ein Bild anschaute, nicht zum nächsten Gemälde ging, sondern blieb bis zu dem Augenblick, in dem die Menschen in dem Bild mich anschauten. Ich dem Blick nicht mehr ausweichen konnte. Eine neue Geschichte begann, etwas geschah außerhalb dessen, was ich kannte. Ich in einer Fremde war.

    Nimm dich zusammen, sagte ich auf meiner Reise vom Nordmeer zur Ostsee, durch Polen, Litauen, Lettland, Estland, nimm dich zusammen. Lächle und ziehe die Mundwinkel nach oben, und halte die Augen trocken. Keine Träne wegen dieser Liebe. Keine Träne um dieses Leben. Niemand kommt dort an, wo er hin will. Höre die Worte der anderen, höre in der Ferne die Wellen. Was ist passiert?   

    Ich habe ein Messer im Herz. Es könnte ein Brotmesser sein, eines mit Widerhaken. Mein Himmel ist in die Hölle gefallen. Aber der eine Blick die Himmelsleiter hinauf, über Mauer und Beton, über das Land, durch das Fensterglas. In die Höhe der Schneemützen und Wellenberge. Mir ist der Traum nicht gestorben. Jetzt gehe ich los.

Ich setze meine Füße in die Luft und sie tragen mich auf das Schiff. Ich war mehr als die vielen kleinen Schlucke aus Gläsern und Flaschen. Ich verlasse die Fluglinie Betäubung. Der Morgen ist da. Die See grau. Mein Teller ist voll geladen mit Würsten und Eiern, Brot und Pfannkuchen. Ich fahre ans Ende der Ostsee.

© J. Monika Walther